Evangelische Kirche Herchen

Wenn Steine erzählen könnten ...

Über den jüdischen Friedhof in Siegburg

von Bertrand Stern

Seit vielen Jahren habe ich die dankenswerte Aufgabe übernommen, bei der Führung „Auf den Spuren jüdischen Lebens in Siegburg“ Menschen auf das hierzulande blühende kulturelle und religiöse Leben von Menschen jüdischen Glaubens aufmerksam zu machen.
Bekanntlich fand diese Vielfalt ein jähes und schreckliches Ende, als die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Siegburg – ob ihrem „mosaischen Glauben“ – in der Shoa deportiert und umgebracht wurden. Ein glücklicherweise erhaltenes Zeugnis der Mitmenschen, die bis 1942 selbstverständlich mit uns zusammen lebten, die also unsere Nachbarn waren und die als wichtige, berühmte, anerkannte Persönlichkeiten galten, ist der jüdische Friedhof an der Heinrichstraße, zu dem ich die Interessenten meiner Führungen begleite. Vorab darf ich in bezug auf die nachfolgenden Ausführungen klarstellen, daß ich weder Kunsthistoriker – mit Schwerpunkt Sepulkralkunst – bin noch Hebraiker, der in alle Feinheiten der sehr vielfältigen jüdischen Religion und Religiosität einführen könnte.

Gemeinhin wird angenommen, daß bereits im ausgehenden 12. Jahrhundert sich eine jüdische Gemeinde in Siegburg gebildet hat, deren Mitglieder bis zum 17. Jahrhundert vor der Stadtmauer (heute: Ringstraße) sich niedergelassen haben, bevor sie – nach dem 30jährigen Krieg – die Erlaubnis bekamen, in der Stadt selbst zu leben: vor allem an der heutigen Holzgasse. Drei Zeugnisse ihrer Anwesenheit mögen hervorgehoben werden: das Ritualbad („Mikwe“ genannt); die 1841 erbaute, in der „Reichspogromnacht“ (9. November 1938) zerstörte Synagoge; und der – wundersam? – erhaltene jüdische Friedhof, dessen ältere Grabsteine auf das Ende des 18. Jahrhunderts datiert werden.

Jüdische Friedhöfe werden „eigentlich“ nicht gepflegt, sondern sich selbst überlassen: Sie sind Orte der Ewigkeit. Aus diesem Grunde kann und darf niemals von einem „ehemaligen, geschlossenen, aufgelassenen, alten Friedhof“ gesprochen werden, denn es heißt in Gen.35,19-20: „Also starb Rahel, und war begraben an dem Wege gen Ephrat, das nun heißt Bethlehem. Und Jakob richtete ein Mal auf über ihrem Grabe, dasselbe ist das Grabmal Rahels, bis auf diesen Tag.“ (Hervorhebung durch mich!).

An einem solchen Ort der Ewigkeit wurden die Gräber der Reihe nach vergeben: Ein Jahr nach dem Tod („Jahrzeit“) wurde dann ein Grabstein aufgestellt, wobei ursprünglich alle Grabsteine dem Ideal der Gleichheit und der Schlichtheit entsprechen sollten – Ausdruck unserer aller Gleichheit vor dem Tod. Einst wurden in Siegburg Steinplatten vom nahen, an der Sieg sich befindenden Steinbergwerk am Wolfsberg gebrochen, obschon dieses vulkanische Gestein für diese Zwecke nicht geeignet ist und sich schwer verarbeiten läßt. Im 19. Jahrhundert wird Stein vom Siebengebirge eingesetzt; und nach dem Aufkommen der ersten Eisenbahnlinie (nach 1862) werden andere, von Luxemburg, Belgien, Schweden kommende Steine importiert – später Marmor. An den Gesteinssorten lassen sich ablesen: sowohl die gesellschaftlichen Fortschritte (etwa Eisenbahn als Transportmittel!) wie die Entwicklungen der jüdischen Gemeinde, in der viele Mitglieder, gute, sehr patriotische Deutsche, es allmählich zu Ansehen und Anerkennung gebracht haben.

Das Bemühen um Assimilation, ja um eine Art von Überidentifikation mit dem deutschen Vaterland und der Heimat, läßt sich wiederum an den Grabstein-Inschriften gut ablesen. Im 19. Jahrhundert, Zeit einer allgemeinen Emanzipation, wird die ursprünglich rituell streng geregelte Gestaltung der selbstverständlich in hebräischer Sprache verfaßten Inschriften allmählich verdrängt durch zunehmend deutsche Texte: erst auf der Rückseite oder unten, dann immer öfters auf den Vorderseiten der Grabplatten werden der – hebräische oder zivile – Name und Vorname, manchmal die Geburts- und Todesdaten – nach hebräischem oder zivilem Kalender – angebracht. Unter dem Einfluß der deutschen Sepulkralkunst verwandeln sich auch Formen und Gestaltung der Grabsteine – bis hin zu Doppelgräbern, die den jüdischen Beerdigungsregeln kraß widersprechen.

Ein weiteres Merkmal auf den Grabsteinen möchte ich hervorheben: auf manchen Grabsteinen sind zwei Hände mit gespreizten Fingern (meist: Daumen; Zeige- und Mittelfinger; Ring- und kleiner Finger) zu sehen. Sie signalisieren, daß hier Menschen beerdigt sind, die dem Stamm der „Kohanim“ angehörten, der einstigen Hohepriester im Tempel zu Jerusalem, die – inzwischen DNA-nachgewiesen! – von Aaron, dem Bruder Moses, stammen. Nur ein „Kohen“ durfte priesterliche Aufgaben übernehmen, insbesondere den „aronitischen Segen“ sprechen. Ein anderes Symbol sind die Kannen, welche anzeigen, daß hier ein Mitglied des Stammes „Levy“ liegt: dessen erste Aufgabe war es, dem Hohepriester vor den rituellen Handlungen beim Händereinigen beizustehen, daher die Kanne; von da abgeleitet ist eine Aufgabe der Levys, für Ordnung in der Gemeinde zu sorgen, woran der Spruch erinnert: „die Leviten lesen...“

Eine Kleinigkeit noch: auf jüdischen Friedhöfen wurden einst bei Besuchen keine Blumen auf die Grabsteine gelegt, sondern Steinchen. Erklärt wird diese Sitte mit der Erinnerung an eine Zeit, da die Hebräer Nomaden in der Wüste waren; wenn jemand verstarb, wurde der Leichnam – innerhalb von 24 Stunden – in den Wüstenboden beerdigt; um aber zu vermeiden, daß wilde Tiere hier scharren, wurden die Be-Erdigungsstellen mit Steinen bedeckt. „Si non e vero, e ben trovato“ lautet ein italienischer Spruch. Jedenfalls hat der Rabbi befohlen: „Blumen für die Lebenden, Steine für die Toten!“

Übrigens: meine Führungen „Auf den Spuren jüdischen Lebens in Siegburg“ umfassen weit mehr als den Besuch des jüdischen Friedhofs. Wen dieses Thema interessiert, sei herzlich eingeladen, mich zu kontaktieren.

Bertrand Stern
Johannesstr. 17
53721 Siegburg
T.: 02241/53848
e-mail: contact@bertrandstern.com